Praxisgemeinschaft Bern-West

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Fallbeispiel eines jungen Angstpatienten

Herr S. leidet seit 12 Jahren an Panikstörungen. Plötzliche, wie aus dem Nichts kommende Attacken von Herzrasen, Atemnot, Schwindel bis hin zu Ohnmachtsgefühlen und kalter Schweiss beeinträchtigen das Leben von Herrn S. so stark, dass er sich zwischenzeitlich krankschreiben lassen muss. Trotz guten Willens verliert er nach Monaten auch seine Arbeitsstelle. Über 10 Jahre kann ihm kein Arzt sagen, was die Diagnose seiner Krankheit ist und wie sie behandelt werden könnte. Zu den heimtückischen, anfallsartigen Attacken gesellt sich bei Herrn S. die Angst, nie mehr aus diesem Teufelskreis herauszufinden. Herr S. fühlt sich mit seinem Leiden allein. Erst eine Ärztin in einem Akutspital erkennt, dass er an einer Panikstörung mit agoraphobischen Zügen leidet. Herr S. sucht sich eine Psychotherapeutin, welche ihn über ein Jahr begleitet. Der Zustand von Herrn S. bessert sich. Doch nach einigen Monaten droht ein Rückfall: Die Ängste treten wieder stärker und öfter auf, am Schluss kann Herr S. kaum mehr die eigene Wohnung verlassen. Es scheint, als hätten sich die Ängste verselbständigt. Herr S. hat im Zuge seiner Erkrankung praktisch alle seine Freunde verloren, er ist zunehmend isoliert, verbringt Tage alleine in seiner 2-Zimmer-Wohnung. Wenn er in Therapie geht, fühlt er sich jeweils etwas besser, doch hält dieser Zustand nicht lange an. Auch die antidepressiven und angstlösenden Medikamente helfen zu wenig. Die Psychotherapeutin erkennt, dass eine einzelne Therapiestunde pro Woche dem Patienten jetzt nicht mehr genug Halt bieten kann. Sie empfiehlt ihm einen stationären Aufenthalt in einer Klinik. Herr S. hadert lange mit diesem Entscheid. Obwohl es ihm sehr schwer fällt, entschliesst sich Herr S. doch den Schritt zu wagen. 2 Monate bleibt er in stationärer Behandlung, wo er einen intensiven Prozess durchläuft. Nach Austritt geht es dem Patienten Einiges besser. Nun kommt er wieder wöchentlich in die ambulante Psychotherapie, wo er in den folgenden Monaten grosse Fortschritte macht. Die Angstattacken treten zu Beginn ganz selten immer noch auf, doch er weiss jetzt besser, wie damit umgehen. Er hat auch Vieles über den Hintergrund seiner Ängste gelernt und erkennt auch besser, in welchen Situationen sich die Panikattacken einstellen. Er beginnt in den folgenden Monaten, sich die Welt zurückzuerobern und Neues auszuprobieren. Eine temporäre Arbeitsstelle gibt ihm die Möglichkeit, wieder in den Beruf einzusteigen. Herr S. erlebt nach und nach, dass er seine Ängste meistern kann, ja, dass es Momente gibt, wo er diese vergisst und ganz den Augenblick geniessen kann. Nachdem Herr S. eine Festanstellung in seinem angestammten Beruf erhalten hat und er auch dort heikle Angst-Situationen meistern kann, schliesst er ca. ¾ Jahr nach Klinikaustritt die Psychotherapie ab. Er kann nun das Leben wieder geniessen und sich angstfrei bewegen. In der Zwischenzeit hat er auch wieder neue Freunde gewonnen. Herr S. ist überzeugt, dass die intensive Behandlung in der Klinik die entscheidende Wende gebracht hat, dass es aber genau so wichtig war, sich danach in Begleitung einer Fachperson den alltäglichen Herausforderungen im Leben zu stellen. Drei Jahre nach der richtigen Diagnosestellung kann der Patient wieder ein völlig normales Leben führen.